Mit dem Taxi in die Heimat

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Foto: Tonči Petrić

Ich weiß nicht, wie es anderen Menschen ergeht, aber wenn eine gewisse Zeit verstreicht, verspüre ich ein Gefühl der Sehnsucht bzw. eine gewisse Leere, die ich mir nicht erklären kann. Irgendwann verstehe ich dann, was mir genau fehlt: die Heimat. Dieses Gefühl kommt bei mir immer im Frühling nach dem Ende der kalten Jahreszeit.

Völlig spontan und ein wenig verrückt

So erging es mir letzte Woche, bis ich erkannt habe, was mir fehlt und ich spontan im Taxi nach einer Grillveranstaltung auf den Weg zu meiner Wohnung entschieden habe in Richtung Heimat zu fahren. Ich fuhr mit dem Taxi zur Wohnung, nahm in fünf Minuten das nötigste mit und habe mich gleich zum Omnibusbahnhof in Zagreb gemacht, um in letzter Minute meinen Bus in Richtung Split zu bekommen. Dies habe ich sehr schnell und entschlossen ausgeführt, ohne mich dabei richtig vorbereitet oder für die Reise gepackt zu haben (geschweige denn eine Zahnbürste mitgenommen zu haben). Völlig spontan und ein wenig verrückt. So etwas habe ich bis jetzt in meinen Leben noch nicht getan. Was man aber nicht alles tut, um dieses Gefühl der Leere loszuwerden…

Was ist Heimat?

Jetzt stellt sich nun die Frage, was man unter Heimat versteht. Wenn man den Begriff „Heimat“ näher betrachtet, steckt etymologisch das Wort Heim im Begriff. „Heim“ ist aber nicht gleich „zu Hause“. Ich denke, ein Mensch kann mehrere „zuhause“ haben, aber nur ein(e) Heim(at).

Foto: Tonči Petrić

Für mich ist Zagreb ein zuhause genauso wie Stuttgart in Deutschland. Ich kenne in beiden Städten genügend Leute und es ist Teil von mir, ein Teil meines Lebens. Genauso ergeht es mir mit Auckland in Neuseeland. Auckland ist für mich auch ein zuhause geworden, ein Teil meines Lebens, da ich dort eine gewisse Zeit gelebt habe und eine Familie besitze. Aber Heimat ist was anderes: Ein Magnet, der dich anzieht und nicht loslässt und wenn man in diesem angekommen ist, es schwer fällt wegzugehen und ihn loszulassen. Heim(at) ist der geographische Ort, wo man gerne seine letzten Jahre im Leben verbringen möchte, wo man seine innere Batterie auflädt und einfach in Ruhe, in einer Art inneren Oase ist.

So ergeht es mir mit meiner Heimat, die einfach alles verbindet von Deutschland bis nach Neuseeland, den Ort an dem mir nichts fehlt, in meinem Fall das Dorf Selca und die Stadt Stari Grad auf der Insel Hvar.

Foto: Tonči Petrić

Ich bin dankbar und froh in Deutschland zuhause zu sein. Aber ein Heim ist es nicht, das ist der kleine aber feine Unterschied, der hier in diesem Zusammenhang ausschlaggebend ist.

Zeitalter der Globalisierung und der Mobilität

Es tut gut daheim zu sein und zu wissen, wo sein Heim steht, vor allem im Zeitalter der Globalisierung. Heutzutage kann man überall sein zuhause haben bzw. mehrere zuhause besitzen, da man im Zeitalter der Mobilität lebt und es gefragt und teilweise erforderlich ist mehrere Jahre in einem anderen Land gelebt zu haben. Man schwirrt herum, auf der Suche nach einem bestimmten Ort, aus Karrieregründen oder wegen eines bestimmten Ideals. Ich will dies nicht verurteilen: Ein junger Mensch muss dies heutzutage in seinem Leben vollziehen. Doch man sollte immer wissen, wo seine Wurzeln sind. Eins ist für mich gewiss: Ich kenne mein Heim und werde bestimmt wieder zu ihm zurückkehren – es ist nur eine Frage der Zeit. Wie lange dies dauern wird, hängt davon, ab wann mich das Gefühl der Leere wieder einholt.

Foto: Tonči Petrić

Tonči Petrić arbeitet als Journalist und Radiomoderator für das deutschsprachige Programm der Stimme Kroatiens bei dem kroatischen Rundfunk und Fernsehen HRT. Er lebt seit mehreren Monaten in Zagreb und berichtet in seinem Blog über seine Erfahrungen in Kroatien.

Barbara Vid

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