Künstlerporträt: Renata Poljak

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Foto: SK

Partenza

Partenza bedeutet Abfahrt. So heißt auch die multimediale Ausstellung der kroatischen Künstlerin Renata Poljak. Mit solch einem Namen problematisiert sie die Zerbrechlichkeit unserer Existenz in der modernen Gesellschaft. Das Interessante dabei ist, wie diese Künstlerin die Vergangenheit evoziert, weil schon wieder dasselbe passiert, was ihrer Familie früher Leiden zugefügt hatte. Die Geschichte wiederholt sich, wird oftmals gesagt. Angesichts dessen befasst sich Poljak mittels ihrer intimen Beichte mit einem aktuellen Thema, das sich genauso schmerzhaft anfühlt wie damals.

Die Künstlerin geht diesem Schmerz nach, indem sie in die Ferne, in Richtung der Hochsee blickt. Gerade diese Hochsee und dieser Blick sind die wichtigste Kritik der modernen Welt. Es ist so viel Zeit vergangen, doch wir haben unseren Nachfolgern dasselbe hinterlassen. Auf diese Weise wird alles zusammengefasst, wenn man mit dalmatinischen Frauen über die Vergangenheit spricht. Sie kommen immer zum Schluss, dass es immer so war und es immer so sein wird. Gerade dieses Gutheißung des eigenen Schicksals ist eine Charakteristik dieser Arbeit von Renata Poljak, die am stärksten provoziert.

Als den Schauplatz hat sich die Künstlerin den Strand Zlatni rat an der dalmatinischen Insel Bol ausgewählt. Sie spielt auch auf das Leben ihrer Urgroßmutter Vinka an, doch dieses Mal will sie eine eine Geschichte vom Abschied erzählen. Sie bedient sich der Geschichte ihrer Familie und äußert sich über eines der größten Probleme der Gegenwart: die Flüchtlinge als die Objekte einer großen Krise der Menschheit und einer wiederholten Geschichte. Sie spricht auch von der Tatsache, dass immer mehr Kroaten ihre Heimat verlassen, um zu arbeiten.

Immer wenn ich in den letzten Paar Jahren den Fernseher anschalten würde, würde ich auf eine Reportage über die Flüchtlinge stoßen. Die Kroaten als Nation hatten in einer Periode ebenso Krieg und Leiden erlebt. Ich habe ein natürliches Mitgefühl für sie empfunden, weshalb ich eine Verbindung zu diesem Thema fühlte. In der Kunst hat mich immer das soziale Engagement interessiert, ich habe mich aber gefragt, wie ich etwas über die Flüchtlinge sagen sollte, damit es sich nicht wie eine Fernsehreportage, sondern wie ein Kunstwerk anfühlt, deshalb habe ich meine persönliche Perspektive als Ausgangspunkt genommen. Ich habe mich an meine Urgroßmutter erinnert. Ihr Ehemann ist anfangs des 20. Jahrhunderts nach Amerika ausgewandert, was damals sehr oft passierte. Die Einwohner Dalmatiens hatten nichts zu essen, also suchten sie Arbeit anderswo.Mein Urgroßvater kam aber nie zurück,  weil er im fremden Land nach kurzer Zeit starb – erzählt Renata.

Wir betrachten schon seit Jahren das gleiche Szenario, ermahnt die Künstlerin und fügt hinzu, dass Flüchtlinge nicht auswandern, weil sie wollen, sondern weil sie keine andere Wahl haben. Die Frauen, die mitkommen, oder eben zuhause bleiben, sind ebenso Teil dieser schweren, oftmals tragischen Geschichte.

Video

Neben der kroatischen Schauspielerin Dajana Čuljak, die in der Ausstellung die Hauptfigur der Urgroßmutter Vinka spielt und zur Zeit im Kroatischen Jugenddtheater tätig ist, waren ungefähr 20 Statistinnen aus Bol Teil des Videos der Austellung. Aber eine wichtige Rolle spielt hier auch das Meer selbst. ”Das sollte auch so sein, weil das Mittelmeer zu der neuen Gruft des Mittelmeerraums geworden ist – sagt Renata Poljak, die in diesem Werk auf eine eindrucksvolle Weise in ein Meer von Leiden, Traurigkeit und Abschieden eingetaucht ist.”

Noch seit ihrer ersten, vor 20 Jahren entstandenen Videoausstellung Ja, domaćica! (Ich, die Hausfrau!) war klar, dass diese Künstlerin aus Split vom sozialen Engagement nicht zurückschreckt. Partenza ist das zentrale Werk ihrer ersten eigenständigen Ausstellung, die in April in ihrer Geburtsstadt, in der Galerija umjetnina (Kunstgalerie) unter dem Namen Jedan običan život (Ein gewöhnliches Leben) vorgestellt wurde, und zwar kurz nach der Premiere in der Pariser Galerie Contexts. Die Videoinstallation Partenza wurde in schwarz-weiß gefilmt und der Strand Zlatni rat stellte sich als eine effektive Kulisse über Frauen heraus, die nur darauf warten, dass in ihrem Leben etwas passiert, während sich ihr Leben selbst in eine Art Limbus verwandelt.

Hausfrau oder Künstlerin?

Ich wollte herausfinden, ob ich mich wirklich zu einer Künstlerin entwickeln würde, weil das eigentlich kein Diplom garantieren kann. Zuerst habe ich versucht, das erwähnte Thema zu bemalen und aufzuzeichnen. Danach bekam ich die Möglichkeit, das Video Ja, domaćica! zu filmen. Vom Filmen eines Videos hatte ich keine Ahnung. An der Uni bekam ich die Aufgabe, an einem Workshop in einem kleinen Ort in Istrien namens Ražanj teilzunehmen. Dort war auch eine Gruppe von Studenten aus Deutschland. Sie hatten Unterwasserkameras und ich habe von ihnen etwas lernen sollen. Damals, also 1996, habe ich meine erste Synopsis und ein Szenario geschrieben sowie mein erstes Video gefilmt – erzählt Renata und sagt, dass sie mit ihrer ersten Arbeit und dem Effekt, die sie hatte, überrascht war.

Im Jahr 1997. wurde sie mit Elektra, dem jährlichen Preis des Frauenkunstzentrums Zagreb ausgezeichnet und das erwähnte Video ermöglichte ihr, das Nachdiplomstudium an der Kunstakademie École Régionale des Beaux-Arts in Nantes, Frankreich einzuschreiben.

Ihr Video Režiranje glumaca / Režiranje uvjerenja (Regie von Schauspielern/Regie von Überzeugungen) genoss großes Ansehen und wurde mithilfe zweier Preise verewigt (dem der Kunstveranstaltung Splitski salon und des Wettbewerbs der Kroatischen Telekom im Museum für zeitgenössische Kunst Zagreb). Es besteht aus einem Interview mit dem kroatischen Schauspieler Ivan Kojundžić, der 15 Jahre lang die Rolle des Boško Buha im gleichnamigen Film des kroatischen Regisseurs Branko Bauer gespielt hat.

Kojundžić hatte zuerst in einem Film gespielt, der uns erkälren wollte, dass Jugoslawien das beste Land der Welt war. Zehn Jahre nach Boško buha kämpfte er im Krieg für die kroatische Unabhängkeit und verteidigte Vukovar. Mich interessierte, wie das, was man sich anschaut zu etwas wird, an das man glaubt, bzw. wie die Regie von zwei verschiedenen Wahrheiten/Lügen über unsere Geschichte und unsere Gegenwwart funktionieren würde – erläutert Renata.

Dieses Werk wurde auch im Rahmen ihrer Ausstellung in der Galerie Stoyanov vorgestellt. Die renommierte Zeitschrift Village Voice hat diese Ausstellung zu einer der besten in New York für Januar/Februar 2013 erklärt.

Das Video Režiranje glumaca / Režiranje uvjerenja war zugleich das Ende meiner Befassung mit dem Thema Jugoslawien. Es hat mir geholfen, mich mit der Vergangenheit zu versöhnen und weiterzugehen – erklärt die mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Künstlerin. Zu einem ihrer Preise zählt auch derjenige für den besten Kurzfilm am Berliner Black Box Festival, und zwar für die Arbeit „Velika očekivanja“ (Große Erwartungen).

Renata Poljak (Foto: SK)

Eine Identitätsfrage

Nach der Suche nach meiner Identität und nach dem Thema Jugoslawien habe ich mich lange gefragt, wie ich etwas Neues tun könnte, weil ich mich als Künstlerin nie wiederholen möchte, und so entstand Partenza. Es stimmt, dass sie politischer Natur ist, sie enthält aber keine Rebellion und kein Fliehen. Die ganze Arbeit ist sensibel und emotionell – sagt Renata Poljak. Ein Teil ihres Ichs zeigt sich nicht nur an den Geschichten ihrer Urgroßmutter, sondern auch an der Erfahrung einer internationalen Künstlerin, die in vielen Städten und Ländern gewohnt hat.

Die andere Seite dieser Art von Arbeit ist Unsicherheit, aber an sie habe habe ich mich sehr schnell gewöhnt. Ich nehme an, dass meine Eltern ein starker Trieb für mich waren, sie haben mir geholfen, eine selbstbewusste Person zu werden, also musste ich meine Existenz nie befürchten. Die Unsicherheit ist omnipräsent, sie ist Teil des modernen Lebens, egal womit man sich beschäftigt. Sogar in den USA kann man innerhalb kurzer Zeit von einem Geschäftsmann zu einem Streuner werden. Dabei geht es aber nicht nur um finanzielle Unsicherheit, sondern auch um viele andere Arten von Unsicherheit, wie z.B. die emotionelle, da viele Ehen zugrunde gehen, oder die geopolitische…

Foto: SK

Die Ausstellung war im Oktober in Bratislava, in Paris in der Galerie Contexts bis Dezember und im Frühling 2017 wird sie nach New York ins Brooklyn Museum verlegt. Zur Zeit kann sie im Museumsquartier Wien besucht werden (Raum D/Q21). Sie bekam den Namen From a Place of Darkness und kuratiert wurde sie von Gülsen Bal und Walter Seidel, die an politischen, identitätsbezogenen Themen besonders interessiert sind. Diese Ausstellung wurde schon in Split, Pula und im Juli in Bol, in der Galerie Dešković, vorgestellt. Ende Oktober hatte man in Zagreb, in der Galerie Kranjčar, die Möglichkeit, sich die Ausstellung anzuschauen. Die Landschaften des Strandes Zlatni rat sind hauptsächlich im turistischen Kontext bekannt, doch durch das Werk von Renata Poljak bekam er eine neue Bedeutung im Rahmen der Kultur von Bol und Kroatien und im Rahmen des Schaffens einer neuen Beziehung, die vom lokalen und vom globalen Schicksal der Menscheit durchflutet wird.

Autorin: Danijela Stanojević